Chinas frühe Hochkultur: Frühzeit und Reichsbildung


Chinas frühe Hochkultur: Frühzeit und Reichsbildung
Chinas frühe Hochkultur: Frühzeit und Reichsbildung
 
China, genauer gesagt die Volksrepublik China, ist heute mit 9,6 Millionen km2 flächenmäßig der drittgrößte Staat der Erde und hat mit über 1,2 Milliarden Menschen (1998) weltweit die meisten Einwohner. Fast alle Klimazonen sind im Land vertreten, von den Tropen und Subtropen im Süden bis hin zu den kaltgemäßigten Regionen in den Nordostprovinzen und den Bereichen ständigen Schnees in den Hochgebirgen Qinghais und Tibets. Nahezu alle Agrarpflanzen werden heute in China angebaut, vor nehmlich im monsunal beeinflussten Osten, in dessen ausgedehnten Ebenen und relativ flachen Berg- und Hügelländern fast überall Regenfeldbau möglich, aber auch Bewässerung üblich ist. In diesem Landesteil konzentriert sich der größte Teil der chinesischen Bevölkerung, eine Tatsache, die im Prinzip, nicht in der Dimension, auch für die nachfolgend behandelten frühgeschichtlichen Epochen Chinas gilt.
 
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese weit zurückliegenden Zeiträume, die bestimmend für die Herausbildung der chinesischen Kultur und Zivilisation waren, chronologisch zu gliedern; auf eine der ältesten sei zunächst verwiesen. Sie geht auf Konfuzius (6./5. Jahrhundert v. Chr.) zurück. Er benutzte den Sammelbegriff San-dai (»Drei Dynastien«) und verstand darunter die ersten drei Dynastien in der Geschichte Chinas, die Xia-, die Shang- und die Zhoudynastie.
 
Bedauerlicherweise fehlen uns sichere Zeitangaben über ihren jeweiligen Anfang und ihr Ende — mit einer Ausnahme: Wir wissen, wann die Zhoudynastie erlosch. Es war das Jahr 256 v. Chr., in dem die Truppen des Feudalstaates Qin, der später die Reichseinigung erzwang, die damalige, westlich vom heutigen Luoyang gelegene Hauptstadt Henan eroberten und der letzte Zhoudynast starb, auch wenn ein anderes Sippenoberhaupt ohne Königswürde noch bis 249 v. Chr. Regierungsgeschäfte erledigte. Für den Beginn der Zhoudynastie wurden von den Historikern im Laufe der Zeit nicht weniger als 18 verschiedene erschlossene Jahreszahlen zwischen 1122 v. Chr. und 1018 v. Chr. genannt, da keine absolute, sondern nur eine relative Chronologie für die Zeit vor dem Jahr 841 v. Chr. überliefert ist. Man begnügt sich deswegen heute meist damit, als Beginn der Zhoudynastie das 11. Jahrhundert v. Chr. zu nennen. Eine ähnlich großzügige Datierung hat sich für die Shangdynastie (16.—11. Jahrhundert v. Chr.) und für die Xiadynastie (21.—16. Jahrhundert v. Chr.) eingebürgert.
 
Die Angabe, dass die Xiadynastie an die 500 Jahre existiert hat, beruht allerdings auf der Erschließung aus Quellen, die mehr als 1000 Jahre später verfasst worden sind. Eine stetig wachsende Zahl von Gelehrten sieht jedoch die Geschichtlichkeit der Dynastie zumindest für ihre 2. Hälfte als erwiesen an, da sie sich mit der archäologisch eindeutig belegten Erlitoukultur (ca. 19. Jahrhundert bis ca. 16. Jahrhundert v. Chr.), genauer gesagt mit deren Spätphase, identifizieren lässt. Vor den Drei Dynastien, das heißt in der Jungsteinzeit (Neolithikum), regierten der Überlieferung nach neun legendäre Herrscher das Land, unter denen die bedeutsamsten zu einer Dreiergruppe, Sanhuang (»die Drei Erhabenen«), oder einer Fünfergruppe, Wudi (»die Fünf Urkaiser«), zusammengefasst wurden.
 
Früh schon haben sich chinesische Gelehrte mit der Frage beschäftigt, welche Ausdehnung denn China, das im 1. Jahrtausend v. Chr. oft als Zhongyuan (»die Zentralebene«, im Wesentlichen das lössbedeckte Kerngebiet Chinas) bezeichnet wurde, damals wohl gehabt haben mag. Der im 12. Jahrhundert lebende Hong Mai kommt bezüglich der Größe des jungen Zhoureichs zu dem Ergebnis: »Das Gebiet Chinas war äußerst klein. .. und nahm nur ein Fünftel des (Nördlichen Song-)Reiches (960—1127) ein.« Wenn man Letzteres mit ca. 3,5 Millionen km2 veranschlagt, ergeben sich ca. 700000 km2 für das Territorium der Zhou. Diese Vorstellung harmoniert mit modernen Darstellungen der historischen Geographie, soweit sich die Kartographen überhaupt auf das sehr schwierige Unterfangen von Grenzziehungen für diese frühe Zeit eingelassen haben.
 
Der Herrschaftsbereich der San-dai — der Überlieferung nach auch derjenige der legendären Urkaiser — beschränkte sich auf von Klima und Bodenbeschaffenheit her günstige subtropische bis warmgemäßigte Gebiete im Osten, die, anders als vielerorts in der Gegenwart, noch üppige, vom Menschen unberührte Vegetation aufwiesen. Es fehlen heute auch weitgehend die ehedem zahlreichen und ausgedehnten Waldinseln in den lössbedeckten Arealen vor allem im Stromraum des Gelben Flusses (Hwangho); sie sind längst einem Jahrhunderte währenden Raubbau zum Opfer gefallen. Der fruchtbare Löss begünstigte schon im Neolithikum den Ackerbau, der auch von dem über lange Zeiträume durchschnittlich 2—3ºC wärmeren und zudem feuchteren Klima profitierte, das dem heute in Südchina anzutreffenden recht ähnlich gewesen sein dürfte. Wo man gegenwärtig als natürliche Fauna vielleicht noch kleine Niederwildbestände antrifft, tummelten sich in der San-dai-Zeit und früher zusätzlich Davidshirsche (Elaphuren), Wasserrehe, Leoparden, Tiger, Tapire, Nashörner, Antilopen, Elefanten. Auch Wasserbüffel, jetzt charakteristisch für den Süden, gab es in großer Zahl, insbesondere in den ausgedehnten, damals noch nicht allerorten verfestigten Schwemmlandbereichen östlich des Berglandes von Shandong.
 
In der Zeit der Drei Dynastien, deren Beginn mit der erstmaligen Verwendung von Bronze zusammenfällt, betreten wir in China historischen Boden. Abgesehen von den archäologischen Funden gibt es nunmehr zeitgenössische Aufzeichnungen in Form von Orakelknochen, von denen im Folgenden noch ausführlicher die Rede sein wird. Die solcherart gegebene Geschichtlichkeit trifft allerdings bisher nicht für die Xiadynastie zu, da bis heute keine von ihr hinterlassenen Texte gefunden wurden. Es existieren nur Berichte über sie aus der Zeit nach der Shangdynastie. Unter den Quellen, die uns heute für die San-dai-Periode zur Verfügung stehen, dominieren, unter dem Aspekt der Ausführlichkeit und der thematischen Vielfalt, Werke, die im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden sind. Zu diesen zählen die konfuzianischen Klassiker, eine ergiebige Quelle, um die Geisteswelt des frühen China zu begreifen, aber auch wichtig aufgrund ihrer Berichte zur Ereignisgeschichte und zu historischen Zusammenhängen. Stellvertretend für alle seien hier genannt das »Shu-jing« (»Buch der Urkunden«), eine von den Anfängen bis in das 7. Jahrhundert v. Chr. reichende Sammlung königlicher und fürstlicher Verlautbarungen, das »Shi-jing« (»Buch der Lieder«) mit seinen 305 gereimten, in der 1. Hälfte der Zhouzeit entstandenen Volks-, Ritual- und Hofliedern, ferner das »Chun-qiu« (»Frühlings- und Herbstannalen«), das samt seiner kanonisierten Kommentare eine Chronik des Feudalstaates Lu für die Zeit von 722 bis 481 v. Chr. ist, und die »San Li« (»die Drei Ritenbücher«), die alte Vorschriften und Schilderungen von zeremoniellen Handlungen sowie eine idealisierende Beschreibung des Verwaltungsapparates der Zhoudynastie zum Inhalt haben.
 
Nicht gering ist auch die Zahl der Werke, die für die Geschichte der San-dai unverzichtbar sind, aber keine besondere Nähe zum Konfuzianismus aufweisen. Dazu gehören einerseits die Schriften verschiedener konkurrierender Denkschulen, welche die Geistesgeschichte der späten Zhouzeit nachhaltig prägten (auf ihren Inhalt soll später eingegangen werden). Andererseits sind dies historische Werke wie die »Zhu-shu ji-nian« (»Bambusannalen«) und das »Shi-ji« (»Aufzeichnungen des Historiographen«), Letzteres verfasst im 2./1. Jahrhundert v. Chr. von dem oft mit dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot verglichenen und als »Vater der chinesischen Geschichtsschreibung« bezeichneten Sima Qian. Gemeinsam ist den beiden Texten, dass sie Geschichtswerke sind, die viele Jahrhunderte durchmessen — die »Bambusannalen« eine recht knappe, nach Jahren geordnete Chronik des Feudalstaates Wei, das »Shi-ji« eine ausführliche, nach Themen chronologisch aufgebaute allgemeine Darstellung. Ihr Berichtszeitraum erstreckt sich von den Urkaisern bis in das Jahr 299 bzw. bis etwa 100 v. Chr. Ungewöhnlich ist die Überlieferungsgeschichte der »Bambusannalen«, die man, wie damals üblich, auf Bambustäfelchen geschrieben hatte. Sie waren 296 v. Chr. einem Fürsten als Grabbeigabe verehrt und im Jahre 280 n. Chr. von Grabräubern entwendet worden, um dann schließlich an Hofgelehrte der Westlichen Jindynastie (265—316) zu gelangen. Von ihnen wurden die ziemlich beschädigten und in Unordnung geratenen Aufzeichnungen auf den Bambustäfelchen zu dem uns heute vorliegenden Text ediert.
 
Man mag fragen, ob insbesondere die zuletzt genannten Quellen, deren Abfassungszeitraum 1000 Jahre oder noch länger vom Zeitpunkt mancher Ereignisse entfernt ist, denn überhaupt noch verlässlich sein können. Jedoch wurde ihre hohe Vertrauenswürdigkeit, abgesehen von offensichtlich mythologischen Teilen, eindrucksvoll durch Übereinstimmungen mit den erst in diesem Jahrhundert publizierten Orakelknochentexten aus der Shangzeit nachgewiesen, von denen erste Bruchstücke um 1899 gefunden worden waren. Aber auch Inschriften auf alten Bronzegefäßen sowie anhand archäologischer Funde gesicherte Erkenntnisse haben die allgemeine historische Genauigkeit der »späten Quellen« untermauert. Über bloße Bestätigungen hinaus und die »späten Quellen« vielfach ergänzend, hat die moderne chinesische Spatenforschung zudem in entscheidender Weise unser Wissen über das historische, insbesondere aber auch prähistorische China erweitert, und sie tut es fortlaufend.
 
 Kulturheroen — Lokale Kulturen in China
 
Bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts gab es im Reich der Mitte so gut wie keine Zweifel daran, dass die Anfänge der chinesischen Kultur und Zivilisation in der Zeit vor den Drei Dynastien von besonders innovatorischen und weisen Herrschern gestaltet worden waren, die als historische Persönlichkeiten begriffen wurden. In einem der im 3. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Kommentare zum »Yi-jing« (»Buch der Wandlungen«), einem der ältesten, ursprünglich als Divinationshandbuch (Handbuch der Wahrsagekunst) konzipierten konfuzianischen Klassiker, heißt es:
 
»Als Baoxi (anderer Name für Fuxi) in der Urzeit das Land beherrschte,. .. stellte er Stricke her, verknotete sie und machte daraus Netze für die Jagd und den Fischfang. .. Als Fuxi gestorben war, trat Shennong (»der Göttliche Landmann«) in Aktion. Zur Herstellung von Pflugscharen spaltete er Holz, zur Herstellung der Pflugsterze bog er Holz. Er lehrte das Land die Vorzüge von Pflug und Hacke. ..
 
In der Mitte des Tages hielt er Markt ab. Die Bewohner des Landes kamen herbei und trugen die Waren des Landes zusammen; man betrieb Tauschhandel und ging dann wieder zurück. So kamen alle Waren an den Platz, wo sie benötigt wurden. ..
 
Als Shennong gestorben war, traten nacheinander Huangdi (»der Gelbkaiser«), Yao und Shun in Aktion. ..
 
Sie höhlten Bäume aus, um Boote zu machen, und härteten im Feuer das Holz für Ruder. Der Vorteil von Booten und Rudern lag darin, dass sie eine Hilfe für ansonsten nicht erreichbare (Landesteile) waren und dass man zum Nutzen des Landes ferne Gegenden erreichte. ..
 
Sie zähmten Rinder und schirrten Pferde ein, sodass zum Vorteil des Landes schwere Lasten in ferne Gegenden gelangten. Sie bauten doppelte (Stadt-)Tore und ließen die Wächter Klappern schlagen, um Vorkehrungen gegen gewalttätige Fremde zu treffen. ..
 
Sie schnitten Holz zurecht für Stößel und machten Mulden in (Fels-)Böden, damit sie als Mörser dienten. Der Nutzen von Mörser und Stößel war allen Menschen (bei der Getreideverarbeitung) eine Hilfe. ..
 
Sie setzten Holz mit einer Sehne unter Spannung, um Bogen herzustellen, und sie härteten Holz im Feuer, um Pfeile zu machen. Der Nutzen von Pfeil und Bogen lag darin, dem Land Macht demonstrieren zu können. ..
 
In ältesten Zeiten lebte man in Höhlen und hielt sich im Umland davor auf. Die Weisen der späteren Generationen änderten das durch den Bau von Palästen und Häusern. Diese hatten oben einen Firstbalken und abwärts weisende Dächer, um gegen Wind und Regen zu schützen. ..
 
Wenn in alter Zeit die Toten bestattet wurden, so hüllte man sie reichlich mit Reisern ein; man beerdigte sie mitten im Gelände und machte keine Grabhügel oder Baumanpflanzungen. Für die Trauerzeit gab es keine Regelung. Die Weisen der späteren Generationen änderten dies durch die Verwendung von Särgen und Sarkophagen. ..
 
In ältesten Zeiten machte man Knoten in Stricke, um Anweisungen zu geben. In den nachfolgenden Generationen änderten die Weisen das. Sie nahmen Schriftstücke und zweiteilige Urkunden, um über die Beamtenschaft Kontrolle und über die Bevölkerung Aufsicht auszuüben. ..«
 
Fragmente in anderen Texten des 1. Jahrtausends v. Chr., in der Regel erheblich kürzer als die angeführte Passage aus dem »Yi-jing«, ergänzen die Berichte über das Wirken der Kulturheroen und ihrer Helfer in der Weise, dass es kaum eine kulturelle oder zivilisatorische Errungenschaft gab, die nicht einem von ihnen zugeordnet worden wäre. Das fängt an mit der Erfindung des Feuermachens, der Vergabe von Namen, der Institution der Familie, dem korrekten Verhalten gegenüber Mitmenschen, dem Bau von Musikinstrumenten, der Schaffung der Schrift und geht hin bis zur Einführung des Kalenders, der Pflanzenheilkunde, von Gesetzen, der Kochkunst, der Meersalzgewinnung, der Seidenraupenzucht und anderem.
 
Diese Art der Geschichtsschreibung, vielleicht zum Teil eine blasse Erinnerung an die Vorzeit, die eine in Ansätzen evolutionäre, das heißt allmählich und stufenweise fortschreitende Entwicklung widerzuspiegeln scheint, verlor durch die moderne Archäologie aus dem Westen rasch ihr bisheriges Monopol für die Darstellung der chinesischen Vor- und Frühgeschichte. Geblieben ist den Berichten jedoch ihre Bedeutung für die Erforschung der reichen Mythenwelt des ältesten China.
 
 Die moderne Archäologie
 
Zwar führte schon in der Songzeit (960—1279) das rege Interesse chinesischer Gelehrter an Bodenfunden aus dem Altertum zur Publikation von archäologischen Katalogen, doch konnten zusammenhängende Kenntnisse über die Zeit vor den San-dai erst mithilfe der in Europa begründeten wissenschaftlichen Spatenforschung gewonnen werden. Sie hatte Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem durch das Bemühen Li Jis, in China Fuß gefasst. Mit der Entdeckung der nach ihrem Fundort in Henan benannten Yangshaokultur (5.—3. Jahrtausend v. Chr.) stieß der Schwede Johan Gunnar Andersson 1921 das Tor zu einer systematischen, auf Feldarbeit und Interpretation von Bodenfunden gestützten Erforschung der prähistorischen Kulturen in China auf. Heute sind über 7000 neolithische Grabungsstätten registriert, zu denen noch eine nicht unbeträchtliche Zahl von alt- und mittelsteinzeitlichen Fundorten kommt. Ihre Existenz verdanken sie vorwiegend einer nach Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 intensivierten, aber monopolartig — praktisch ohne ausländische Beteiligung — betriebenen Grabungstätigkeit. Sie ist bis heute nicht erlahmt und wurde selbst durch die Kulturrevolution nicht sehr beeinträchtigt. Da die festlandchinesische Archäologie eine finanziell stark vom Staat abhängige und ideologisch bevormundete Disziplin ist, nimmt es nicht wunder, dass sie leicht für Glaubensgrundsätze der marxistischen Geschichtsauffassung und für politische Zwecke instrumentalisiert werden kann.
 
Auch nach 1949 konzentrierten sich die Anstrengungen der Ausgräber vor allem auf das nördliche China, ganz im Einklang mit der traditionellen, nie ernsthaft infrage gestellten Auffassung, der zufolge die Wiege der chinesischen Kultur im Bereich des Hwangho gestanden habe. Die alsbald geborgenen reichhaltigen archäologischen Funde der 50er- und 60er-Jahre schienen schlüssig zu belegen, dass man die ältesten Dynastien als den Endpunkt einer Abfolge von allein nordchinesischen neolithischen Kulturen anzusehen hatte. Am Anfang dieser Entwicklung stand demnach die schon genannte Yangshaokultur mit Menschen, die in Dörfern wohnten, genauer gesagt in Hütten, die leicht in den Boden eingetieft waren, außer der Jagd auch vom Hirseanbau und von der Haustierhaltung lebten und eine markante rote Keramik mit schwarzer Bemalung herstellten. Aus der Yangshaokultur entwickelte sich dann die Longshankultur mit ihren regionalen Besonderheiten, die sich über den Stromraum des Gelben Flusses und seiner Nebenflüsse erstreckte. Eine stärkere Hinwendung zur Landwirtschaft, die Errichtung größerer, oft mit einem Wall umgebener Siedlungen, die Verwendung der Töpferscheibe für die Herstellung feinster, im Bereich von Shandong meist schwarzer Keramik und erste Vorkommen von Kupfergegenständen (zum Beispiel Ahlen, kleine Anhänger) sind die hervorstechendsten Merkmale dieser Kultur, welche die prädynastische Zeit in China abschloss.
 
Die beschriebenen Charakteristika sind nach wie vor richtig, doch hat sich das Verständnis über ihre Entstehung gewandelt. In den 70er-Jahren geriet das so lang etablierte Bild von »Zhongyuan« als dem Kerngebiet, von dem aus alle wichtigen kulturellen und zivilisatorischen Entwicklungen ausgegangen waren, in Unordnung und musste aufgegeben werden. Zu groß wurde die Zahl der neu entdeckten Steinzeitkulturen in Mittel- und Südchina, die sich nicht mehr als durch Wanderungen oder Kulturausstrahlung entstandene Ableger der »Zentralebene« deuten ließen. Zahlreiche Untersuchungen mit naturwissenschaftlichen Methoden zur Zeitbestimmung ergaben in der vergleichenden Zusammenschau, dass manche kulturelle Zeugnisse in ganz verschiedenen Regionen unabhängig voneinander etwa zeitgleich entstanden waren und dass andere Errungenschaften im Süden verbreitet waren, lange bevor sie in den Norden gelangten. Mehrere eigenständige Lokalkulturen hatten über lange Zeiträume eine separate Entwicklung durchlaufen, vergleichbar derjenigen der Zhongyuankulturen.
 
Als Beispiel sei hier die zwischen 1973 und 1978 entdeckte Hemudukultur (5./4. Jahrtausend v. Chr.) genannt, deren Verbreitungsgebiet südlich der Bucht von Hangzhou in der heutigen Provinz Zhejiang lag. Die Menschen dieser Zeit lebten bereits auch vom Reisanbau. Die hier gefundenen Reiskörner sind im Übrigen der weltweit älteste sichere Beweis für die Kultivierung von Oryza sativa, der wirtschaftlich noch heute wichtigsten und bekanntesten Art. Die Neolithiker von Hemudu verwendeten bei den Holzkonstruktionen ihrer Häuser bereits fortgeschrittene Zimmermannstechniken wie Verzapfungen und Überblattungen. Sie entdeckten ferner das Verfahren, mit dem man Holzgefäße durch das Aufbringen verschiedener Lackschichten gegen Feuchtigkeit, 100ºC Hitze und mehr sowie aggressive Flüssigkeiten resistent machen konnte. Mit diesen Fertigkeiten wurde man erst viel später auch in der »Zentralebene« vertraut.
 
 Die Interaktionssphäre
 
Nach Auffassung von Chang Kwang-chih, einem der führenden Kenner der chinesischen Archäologie im Westen, kamen die verschiedenen, bis dahin relativ isolierten neolithischen Kulturen etwa vom 4. Jahrtausend v. Chr. an zunehmend in engeren Kontakt. Die intensiveren Verbindungen wurden einerseits durch die Brückenfunktion neu entstandener (Zweig-)Kulturen und andererseits durch die Expansion einzelner Einflussbereiche ermöglicht. Im Vergleich mit Europa und dem Orient lagen die neolithischen Siedlungen in China ungewöhnlich dicht beisammen. Vermutlich wurde schon damals der Grundstein für die hohe Bevölkerungsdichte gelegt, die durchgehend bis in unsere Zeit ein unverkennbares Merkmal für China bleiben sollte.
 
Durch die enger werdende Nachbarschaft und die damit leichtere Kommunikation entstand eine weiträumige (proto) chinesische Interaktionssphäre. Sie reichte von der Mandschurei im Norden bis Taiwan und dem Perlflussdelta im Süden, von der Ostküste bis nach Gansu, Qinghai und Sichuan im Westen. Es entstanden charakteristische Gemeinsamkeiten, die man in praktisch allen Kulturen antraf, wie z. B. auf dem Sektor der Keramik das kelchförmige Dou-Gefäß mit einem durchbrochenen Fußdekor und der »ding«, ein dreibeiniger irdener Kochbehälter, der direkt ins offene Feuer gestellt wurde. Andere Erzeugnisse der materiellen Kultur, ideengeschichtliche Phänomene oder Formen der sozialen Organisation wurden nur in Teilbereichen der Interaktionssphäre übernommen oder weitergegeben.
 
Es würde hier zu weit führen, den Beitrag oder die Rolle jeder der zahlreichen neolithischen Kulturen, deren Facettenreichtum fast täglich durch neue Funde zunimmt, zu beleuchten und gegeneinander abzugrenzen. Stattdessen seien einige wichtige Entwicklungen angesprochen, die im Laufe des 3. Jahrtausends v. Chr. in wesentlichen Teilen der Interaktionssphäre bereits zum Gemeingut geworden waren. In der meist etwas älteren Literatur findet man hierfür auch den Begriff der longshanoiden Gemeinsamkeiten, abgeleitet von der Ansicht, dass allein die vorwiegend im Norden anzutreffende Longshankultur durch ihre Ausstrahlungskraft alle anderen geformt hat.
 
Bei den Gemeinsamkeiten wäre zunächst auf den deutlichen Fortschritt zu verweisen, den die Herstellung von Keramik erfahren hatte. Verbesserte Brennöfen mit einer gleichmäßigeren Temperaturführung senkten die Ausschussquote, und die Töpferscheibe hatte sich weitgehend durchgesetzt. Die neuen technischen Möglichkeiten erlaubten den jetzt schon berufsmäßigen Keramikern, noch ebenmäßigere Formen und dünnere, wenige Millimeter messende Wandungen herzustellen. Parallel hierzu vollzog sich auch eine ästhetische Neuorientierung, möglicherweise durch einen Wandel in den magisch-religiösen Vorstellungen bedingt. Die Töpfer verzichteten immer öfter auf die lange Zeit dominierende schwarze Dekorbemalung und verarbeiteten statt der vormals bevorzugten rötlichen nunmehr vornehmlich graue Tonerden.
 
Beim Bau von Fundamenten für größere Häuser, die üblicherweise aus einer leicht erhöhten Terrasse bestanden, sowie beim Anlegen von Schutzwällen um Siedlungen wandte man die Stampferde- oder Pisébauweise an. Bei dieser Technik wurden nacheinander 10—15 cm dicke Erdschichten innerhalb einer Schalbrettkonstruktion festgerammt, bis man die gewünschte Höhe erreicht hatte. Das Ergebnis waren fast betonharte Erdkörper, die vielerorts bis heute erhalten geblieben sind. Die auf diese Art geschaffenen Stampferdemauern hatten zum Teil beachtliche Ausmaße.
 
Unter den bislang freigelegten Wallanlagen des 3. Jahrtausends v. Chr. weist Chengziyai in Shandong die größte auf. Sie misst ca. 450 m in Nord-Süd- und ca. 390 m in West-Ost-Richtung, bei 6 m Höhe und einer durchschnittlichen Kronenbreite von 9 m. Vorausgesetzt, dass die Basis der Wälle etwas breiter als die Krone war, waren bei diesem Projekt mehr als 100000 m3 Erde zu bewegen, dem damaligen technischen Stand entsprechend mit Arbeitsgeräten vor allem aus Holz, unter Verwendung von Stein (Beile, Hacken), breitflächigen Knochen (Schaufeln) und Flechtwerk (Tragkörbe). Um ein derartiges Unternehmen erfolgreich durchzuführen, mussten nicht nur sehr viele Arbeiter mobilisiert werden, sondern man musste sie auch effizient über längere Zeiträume einsetzen und die damit anfallenden logistischen Probleme bewältigen. Chengziyai und viele andere der über die Interaktionssphäre verstreuten Gemeinwesen hatten am Ende des Neolithikums eine soziale Organisation mit Eliten, welche die Mobilisierung großer Menschenmassen veranlassen konnten.
 
Diese Fähigkeit kam nicht nur öffentlichen Arbeiten zugute, sondern wurde auch für Kriegszüge und für die Verteidigung der Siedlungen genutzt. Archäologische Belege für die militärischen Aktivitäten sind nicht nur die Verteidigungswälle, sondern auch die zahlreichen Funde von Toten, die unter Gewalteinwirkung umgekommen sind. So fand man Schädel mit Skalpiermerkmalen, Knochen mit stecken gebliebenen Pfeilspitzen aus Stein oder Brunnen, die mit menschlichen Skeletten angefüllt waren. In diesem Zusammenhang wäre auch auf die Einzelfälle zu verweisen, in denen aus rituellen Gründen Menschenopfer beim Bau repräsentativer Gebäude dargebracht wurden.
 
 Jade, kostbarer als Gold
 
Vor allem aus Jade gefertigte kleine Nachbildungen oder in den Halbedelstein geritzte Darstellungen von Fischen, Schildkröten, Vögeln, die in einigen Gräbern gefunden wurden, waren einerseits Schmuckstücke, die sich nur wenige leisten konnten. Als für den täglichen Gebrauch ungeeignete Luxusgegenstände spiegeln sie bereits eine Differenzierung der damaligen Gesellschaft wider. Andererseits verkörpern sie mit Blick auf ihren späteren Symbolgehalt möglicherweise schon erstrebenswerte Dinge wie Fruchtbarkeit (Fische) und Langlebigkeit (Schildkröten) oder wurden mit verehrungswürdigen Gestirnen wie Sonne (Vögel) und Mond (Fische) in Beziehung gebracht.
 
Einen besonders hohen Symbolwert hatten die geheimnisvollen Cong-Jaden, unter denen die ältesten ein Ritzdekor aufweisen, das angeblich eine Gottheit mit halb menschlichen und halb tierischen Gesichtszügen darstellt. Es sind quaderförmige Gegenstände, ca. 10 cm hoch, die innen eine zylindrische Öffnung hatten. Man verwendete sie — außer als Grabbeigaben für hoch gestellte Leute — bei Ritualhandlungen, ebenso wie die kreisförmigen und flachen Bi-Jadescheiben, die ein rundes Loch in der Mitte aufwiesen. Bis heute ließ sich in der Forschung keine Einigkeit über die magisch-religiösen Vorstellungen, die mit den neolithischen Jaden verknüpft waren, oder gar über ihre genaue Funktion erzielen. Häufig wird die von der klassischen chinesischen Kosmogonie (Weltentstehungslehre) abgeleitete Auffassung vertreten, dass die Cong-Jaden ein Symbol für die quadratisch gedachte Erde und das Rund des Himmels waren und dass sie bei Opfern an die Erde verwendet wurden. Die Bi-Jaden werden meist mit Zeremonien zur Verehrung des Himmels in Verbindung gebracht, doch sehen manche Gelehrte in ihnen auch Opfergaben an Naturgottheiten oder Insignien für bestimmte Ränge in der sozialen Hierarchie.
 
Genau genommen müssen sich alle seriösen Interpretationen — es wurde nur ein kleiner Teil vorgestellt — in Ermangelung anderer Belege auf Erklärungen stützen, die erst in Texten des 1. Jahrtausends v. Chr. oder späterer Zeiten im Zusammenhang mit sehr ähnlichen, jedoch zeitgenössischen Jaden zu finden sind. Auch vergleichende Betrachtungen, etwa durch Kunsthistoriker und Ethnologen, erwiesen sich als hilfreich. Unbestritten ist, dass die im gesamten historischen China außergewöhnliche Wertschätzung der Jade im Neolithikum ihren Anfang nahm.
 
Zur Terminologie wäre anzumerken, dass »yu« (Jade) eine Sammelbezeichnung für einige sehr harte gesteinsbildende Mineralien war, jedoch vor allem Nephrit und Jadeit bedeutete. Man sah Jade als mystisches Geschenk des Himmels an, das die Verbindung von Himmel und Erde symbolisierte und dem Menschen Unsterblichkeit bringen konnte. Einer der Gründe, warum Gegenstände aus Jade immer als unvergleichlich wertvoller erachtet wurden als z. B. solche aus Gold, waren sicherlich die sehr begrenzten Nephritvorkommen im Reich der Mitte. Diese wenig ergiebigen Lagerstätten waren, neben Importen vor allem aus dem heutigen Xinjiang, bis in das 17. Jahrhundert die Hauptlieferanten der meist blassen, bei geringer Materialstärke schwach durchscheinenden Jade. Erst in der Qingdynastie (1644—1911/12) halfen dann große Mengen von Jadeit aus Birma, die enorme chinesische Nachfrage besser zu decken. Nach neuesten Forschungsergebnissen deuten heute erschöpfte Lagerstätten in der Nähe des Taihu, eines Sees in Jiangsu, darauf hin, dass sie der wichtigste Herkunftsort der prähistorischen chinesischen Jaden waren. Ein noch wichtigerer Grund, warum aus dem Halbedelstein gefertigte Gegenstände so kostbar waren, lag in der großen Schwierigkeit, das Material zu bearbeiten. Da Jade härter ist als Stahl, kam für die Formgebung nur langwieriges Sägen, Schleifen und Bohren mit Werkzeugen aus Stein und später auch aus Metall, oft unter Verwendung von Quarzsand, in Betracht. Eine besonders gelungene künstlerische Gestaltung sorgte nicht nur für vermehrten ästhetischen Genuss, sondern auch dafür, dass den meisterlichen Produkten der »Jadeschnitzer« ein noch höherer materieller Gegenwert beigemessen wurde.
 
Einige Archäologen haben wegen der stark zunehmenden Produktion von Jadeobjekten im 3. Jahrtausend v. Chr. vorgeschlagen, diese Periode in China als das Zeitalter der Jade zu bezeichnen, das somit eine Art Bindeglied zwischen Neolithikum und Bronzezeit abgäbe, doch hat sich diese Anregung nicht durchsetzen können.
 
Die Cong- und Bi-Jaden, die nach heutigem Kenntnisstand in der Liangzhukultur im nördlichen Zhejiang ihren Ursprung hatten, sorgten mit ihrer Ausbreitung in der Interaktionssphäre auch für eine Weitergabe der mit ihnen verknüpften Vorstellungen und Zeremonien. Dadurch wurde auch ein Beitrag zur Herausbildung religiös-ritueller Gemeinsamkeiten geliefert, aus denen nach und nach die eine oder andere ideengeschichtliche Besonderheit entstand, die wir heute als typisch für das alte China ansehen.
 
 Die Frühzeit der chinesischen Kultur und Zivilisation
 
Im Zusammenhang mit Religion und Riten ist die in weiten Teilen der Interaktionssphäre praktizierte Skapulamantie (»Schulterblattwahrsagekunst«) zu nennen. Aus Rissen, die in sorgfältig gesäuberten Schulterblättern und anderen flächigen Tierknochen durch die Anwendung von Hitze herbeigeführt wurden, las man ab, ob bestimmten geplanten Aktivitäten gute oder schlechte Aussichten beschieden waren. Diese Art von Orakel erlebte in der Shangzeit seine Blüte und soll in diesem Zusammenhang ausführlicher erörtert werden. Ungeachtet der schon genannten Gemeinsamkeiten und abgesehen von Anpassungsvorgängen und Prozessen des Kulturaustauschs im späten Neolithikum erhielten sich jedoch auch viele regionale Besonderheiten, über die noch zu berichten sein wird. In meist verblassender Intensität sind derartige Spezialitäten im gesamten traditionellen China zu beobachten und sind es auch im heutigen noch.
 
Die Archäologie hat in Zusammenarbeit mit der Anthropologie und anderen Wissenschaften den Nachweis erbracht, dass sich die Menschen in China seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. bis heute in ihrer Physiognomie nicht mehr verändert haben. Als recht sicher gilt auch die Feststellung, dass die einzelnen neolithischen Kulturkreise noch keine gemeinsame Sprache hatten. Den Grundstein für das, was wir gemeinhin als chinesische Kultur und Zivilisation bezeichnen, legten verschiedene Ethnien mit unterschiedlicher sprachlicher Zugehörigkeit, zu denen, abgesehen von den späteren Hanchinesen, u. a. Miao, Yao, Mon-Khmer, Thai und Tibeto-Birmanen gehörten. Nicht wenige ihrer Nachfahren haben bis heute als nationale Minderheiten in China überlebt.
 
Gleichwohl war die offizielle Geschichtsschreibung im Reich der Mitte von jeher bemüht, eher eine einzige Wurzel als Ursprung der chinesischen Kultur zu betonen. Noch der Präsident der Republik China, Chiang Kai-shek, erklärte vor nicht allzu langer Zeit in seinen gesammelten Schriften sämtliche Einwohner Chinas kurzerhand zu Abkömmlingen des Gelbkaisers. Ergänzend fasste er auch alle im 20. Jahrhundert existierenden 50 und mehr fremden Ethnien in China zu insgesamt fünf zusammen und stellte fest: »Die Unterscheidung zwischen den fünf Volksstämmen des chinesischen Volkes (Hanchinesen, Mandschuren, Mongolen, Uiguren und Tibeter) ist geographisch, nicht ethnologisch;. .. darum sind die 450 Millionen chinesischen Bürger alle Abkömmlinge von Huangdi.«
 
Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. standen verschiedene neolithische Kulturen der Interaktionssphäre an der Schwelle zu einer neuen Epoche, die aus heutiger Sicht durch zahlreiche grundlegende Veränderungen im materiellen und geistig-religiösen Bereich geprägt wurde. Insbesondere unter den (festland) chinesischen Archäologen und (Prä-)Historikern besteht weitgehende Einigkeit, den Anbruch der neuen Zeit mit dem Beginn von »wenming« (»Zivilisation« im Sinne von Hochkultur) gleichzusetzen.
 
Wichtige, sofort ins Auge fallende Merkmale der neuen Epoche sind Städte, die oft wallumwehrt waren und sich, abgesehen von ihrer Größe, von den üblichen, über das Land verteilten kleineren Siedlungen unterschieden: Städte beherbergten monumentale Bauten. Diese sind einerseits ein Hinweis auf die Ausübung zentraler Herrschaft und dokumentieren in der Zusammenschau mit Bodenfunden andererseits, dass sie gleichzeitig Mittelpunkt kultisch-religiöser Handlungen waren. Da die geräumigen Gebäudekomplexe eine Doppelfunktion erfüllten, wird für sie in der einschlägigen Literatur oft der Begriff »Tempelpaläste« benutzt.
 
Ein weiteres Merkmal der neuen Zeit sind Veränderungen im Wirtschaftsleben. Die Landwirtschaft blieb zwar nach wie vor die Grundlage, doch kamen nun in den Städten oder in ihrer Peripherie Handwerksbetriebe hinzu, die überwiegend für die Bedürfnisse der Oberschicht produzierten und sich bald auch mit dem gerade erst erfundenen Bronzeguss beschäftigten. Um in den Städten die kontinuierliche Anlieferung des Rohmaterials für die Keramiker, Jade-, Stein- und Knochenbearbeiter sowie Bronzegießer zu gewährleisten und die fortlaufende Versorgung derjenigen sicherzustellen, die wegen ihres sozialen Rangs oder durch neue Arbeitsteiligkeiten ihre Nahrungsmittel nicht mehr selber produzierten, musste die Beschaffung optimiert werden. Das hieß, dass die bisher meist nur gelegentlichen Arbeitsverpflichtungen — das wichtigste Hilfsmittel zur Bewältigung aller personalintensiven Unternehmen — zur Dauereinrichtung wurden.
 
Eine gewisse Bedeutung bei der Beschaffung der Rohstoffe mag auch dem schon lange üblichen Tauschhandel zugekommen sein. Die planmäßige Verwendung einer Schrift zur Aufzeichnung von Geschehnissen, Wirtschafts- und Verwaltungsdaten war ein weiterer wichtiger Schritt, um in den allmählich entstehenden staatlichen Gemeinwesen zentrale Aufgaben besser wahrzunehmen.
 
 Die Rolle der Sippen
 
Interessant erscheint jetzt die Frage, in welchem Verhältnis die traditionelle chinesische Geschichtsschreibung zu den oben dargestellten, im Wesentlichen durch Bodenfunde und ihre wissenschaftliche Auswertung gewonnenen Ergebnissen steht. Generell lässt sich sagen, dass es auch gemäß der frühen einheimischen Geschichtsschreibung Ende des 3. oder Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. eine Zäsur gibt, diese jedoch nicht mit dem Beginn der Zivilisation gleichgesetzt wird. Übereinstimmend berichten die schon vorgestellten »Bambusannalen« und das »Shi-ji« sowie andere Quellen von der Gründung der 1. Dynastie in dieser Zeit, mit gewissen Abweichungen bezüglich des Gründungsjahrs.
 
Der noch mystisch überhöhte Yu, eine Verkörperung von Selbstlosigkeit zugunsten des öffentlichen Wohls, hatte sich wegen seiner übermenschlichen Leistungen, zu denen unter anderem die Regulierung aller wichtigen Flüsse in China zählte, unsterbliche Verdienste erworben. Dafür hatte ihn der amtierende Herrscher statt seines Sohnes als Nachfolger auserkoren. Yu, der zur einflussreichen Sippe der Si gehörte, etablierte daraufhin die Xiadynastie, deren Name vom ehemaligen Stammsitz des ersten chinesischen Dynasten abgeleitet ist (südöstlich des heutigen Luoyang, nördliches Henan). Xia hießen auch das von ihm regierte Gemeinwesen sowie seine Untertanen. Xia oder Xiaren (»die Leute von Xia«) sowie Hua Xia (»das prächtige Xia«) gehören zu den ältesten Eigenbezeichnungen der Chinesen und Chinas.
 
Analoge geographische Wurzeln hatten auch die Namen der beiden folgenden Königsdynastien der San-dai-Zeit. Sie wurden ebenfalls von mächtigen patrilinearen (vaterrechtlich bestimmten) Klans oder Sippen (die Begriffe werden im Folgenden gleichbedeutend gebraucht) gegründet: die Shangdynastie vom Klan der Zi und die Zhoudynastie vom Klan der Ji.
 
Das Vorhandensein einer Zentralgewalt, die Delegation von wichtigen Befugnissen an Personen, die in der sozialen Hierarchie unterhalb des Herrschers standen, fortgeschrittene Arbeitsteiligkeit und anderes mehr rechtfertigen es, die Herrschaftsbereiche der Drei Dynastien als Staaten zu bezeichnen. Ohne Zweifel konnten die Könige in den frühen Jahren der San-dai-Zeit ihre Macht nur in einem recht begrenzten Bereich ausüben. Es wird sich um kaum mehr als einen Stadtstaat gehandelt haben, der durch die Eroberung weiterer Siedlungen nach und nach vergrößert wurde. In diesem Sinne äußerte sich auch Mengzi, der im 4. Jahrhundert v. Chr. lebende bedeutendste Konfuzianer nach Konfuzius selbst, als er ausführte, dass der erste Shangkönig anfänglich nur über ein Gebiet von 70 li (ca. 30 km2) geboten habe.
 
Die Zugewinne sicherten die Herrscher, indem sie die alten lokalen Führungseliten durch loyale eigene Blutsverwandte ersetzten. Diesen Verwandten verliehen sie zusätzlich einen Familien- oder Geschlechternamen (»shi«), der sich oft vom Namen ihres neuen Wohnsitzes herleitete oder auch mit diesem identisch war. Die ortsansässige ehemalige Oberschicht wurde häufig durch Heirat in die nun bestimmenden Familienverbände integriert. Abgesehen von der Einverleibung bestehender Siedlungen trugen auch Neugründungen im Auftrag der tonangebenden Klans sowie eine geschickte Bündnispolitik zur Abrundung des jeweiligen Herrschaftsgebiets bei.
 
Nach diesem Expansionsmuster verfuhr mit Sicherheit nicht nur der Klan der Si, der die Könige der Xiadynastie stellte; doch er war der erfolgreichste unter den Mitbewerbern in seinem Wirkungsbereich am Oberlauf des Hwangho, kurz vor und nach dessen Eintritt in die Nordchinesische Tiefebene. »Shi-ji«, »Bambusannalen« und »Zuo-zhuan«, der wichtigste Kommentar zu den »Frühlings- und Herbstannalen«, führen namentlich mehr als ein Dutzend große Sippen (»zu«) und Geschlechter (»shi«) auf, die zeitgleich mit der Xiadynastie im Stromraum des Hwangho ihre Wohnsitze hatten. Manche von ihnen waren im Osten (etwa in der heutigen Provinz Shandong) ansässig, wie auch der spätere Königsklan der Shangdynastie.
 
In dieser Region gab es ferner Einwohner, für welche die »Bambusannalen« keine Klane oder Sippen nennen. Es waren Yi, die vermutlich eine zur Mon-Khmer-Gruppe gehörige Sprache und eine von den chinesischen Sippen der »Zentralebene« unterschiedliche Lebensart hatten. Wie die Hellenen auf die »Barbaroi« herabblickten, blickten die Xiaren auf die Yi, die »Barbaren des Ostens«, herab. Dass bei ihnen in den Quellen der Hinweis auf eine soziale Gliederung in Sippen fehlt, könnte daher auch als eine diskriminierende Unterlassung gedeutet werden. Wohl aus Gründen der Zahlenmystik unterschied man bei diesen »Barbaren« neun verschiedene Völkerschaften. Das Verhältnis der Xia zu ihnen war nicht einheitlich. Phasen friedlicher Beziehungen wechselten mit Strafexpeditionen gegen sie. Beschränkt man seinen Blick nicht nur auf die wichtigste, von den Xia initiierte Staatenbildung in der Oberlaufregion des Hwangho, sondern betrachtet die Gesamtsituation jener Zeit, wird man dem Forscher Zhou Suping beipflichten müssen, der kürzlich das 2. Jahrtausend v. Chr. als das Zeitalter der Stadtstaaten oder Klanstaaten in China charakterisiert hat.
 
Die Herrscher der San-dai
 
Den Aufstieg und Niedergang der drei ältesten chinesischen Dynastien kann man auch als Folge des wechselnden Schicksals begreifen, das die drei Gründersippen und ihre Anhänger im Konkurrenzkampf mit den zahlreichen anderen Klans und deren Verbündeten erfuhren. Die zentrale politische Macht wurde in den Drei Dynastien, jedenfalls die längste Zeit über, in erster Linie durch den jeweiligen Königsklan und seine patrilinearen Abspaltungen ausgeübt. Blutsbande waren der bedeutsamste Faktor für den Zusammenhalt der herrschenden Kreise. Der politische Rang eines einzelnen Mitglieds dieser Oberschicht bestimmte sich genealogisch, das heißt nach der Abstammung. Entscheidend war der Blutsverwandtschaftsgrad des Einzelnen zum König und zu dessen Vorgängern. Darüber hinaus definierte sich seine Stellung auch durch sein Verwandtschaftsverhältnis zum Urahn des eigenen Geschlechts. Bei fremden Verbündeten konnte an die Stelle der differenzierenden Blutsverwandtschaft innerhalb der Königssippe die unterschiedlich starke Einbindung in offizielle staatliche Kulthandlungen treten, mit einem ähnlich hierarchisierenden Effekt. Nachweisbar ist eine solcherart gestaltete Regelung der sozialen Stellung in der Shangzeit, doch dürften die Wurzeln in der Vorgängerdynastie zu suchen sein.
 
Ein Königsklan erhob sich nicht unvermutet über die übrigen, mehr oder weniger gleich organisierten und strukturierten Konkurrenten, sondern er durchlebte auch eine prädynastische und eine postdynastische Zeit. So waren, um mit der Zeit nach Überschreiten des Zenits zu beginnen, z. B. die Einwohner der späteren Teilstaaten Qi (östlich vom heutigen Kaifeng in Henan) und Song (beim heutigen Shangqiu in Henan) direkte Nachkommen der Xia bzw. der Shang. Die seit alters her vertraute Abfolge Xia — Shang — Zhou kann man auch als Konvention betrachten, um die jeweiligen dynastischen Phasen der Sippen Si, Zi und Ji zu bezeichnen, die über lange Zeiträume nebeneinander existierten.
 
Einer Korrektur bedarf das sorgsam über Jahrtausende tradierte Bild von der Erhabenheit der San-dai-Staaten als Eilande der chinesischen Zivilisation in einem Meer von »barbarischen« Zeitgenossen. Wie schon oben erwähnt, gab es in der Zeit der Drei Dynastien zahlreiche andere, ähnlich entwickelte Stadtstaaten und Stadtstaatenverbände unter der Führung mächtiger Klans. Die Sonderstellung der Si, Zi und Ji ergab sich aus der Tatsache, dass es ihnen gelungen war, die Herrschaft über die anderen zu erringen und, insgesamt etwa 1800 Jahre lang, die Könige zu stellen.
 
Alle gemeinsam, auch die bezwungenen Gegner von einst, waren Träger der chinesischen Kultur. Dass die anderen Repräsentanten des ältesten China in der Überlieferung der San-dai nur stiefmütterlich behandelt werden, hängt mit der Erfindung des Schriftsystems zusammen. Nur im Shangstaat gelang es, die in vielen neolithischen Kulturen vorhandenen Ansätze zu einer Schrift aus ihrem Rebusstadium herauszuführen. Bei den Schreibkundigen stand zunächst die Aufzeichnung eigener Belange im Vordergrund. Von den nicht zur eigenen Gruppe Gehörigen wurde anfänglich, wenn überhaupt, meist nur der Name erwähnt, und das auch nur dann, wenn sie in nützlicher oder schädlicher Weise eigene Interessen tangiert hatten. Hier artikulierte sich auch allgemein das Überlegenheitsgefühl gegenüber denen, die außerhalb der San-dai-Staaten standen. Sie waren genauerer Erörterungen nicht für wert befunden worden.
 
 Die Xiadynastie
 
Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass man die San-dai in mancherlei Hinsicht als eine durch viele Gemeinsamkeiten geprägte, lückenlos zusammenhängende Zeit sehen kann. Gleichwohl soll aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit im Folgenden der ebenso legitimen, nach Dynastien gegliederten Darstellung, wie wir sie auch von der einheimischen chinesischen Geschichtsschreibung kennen, der Vorzug gegeben werden. Dies führt zwangsläufig zurück zu dem schon einmal kurz angesprochenen Problem, wie es mit der Geschichtlichkeit der ersten chinesischen Dynastie bestellt ist, mithin zu der Frage, inwieweit die Archäologie in der Lage ist, die wesentlich späteren schriftlichen Quellen für die Xiazeit zu erhärten.
 
Eine Anmerkung sei jedoch noch vorausgeschickt: Die Genealogie (Geschlechterfolge) der Shangdynastie (16.—11. Jahrhundert v. Chr.), so wie sie im »Shi-ji« am Ende des 2. oder Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. und in den »Bambusannalen« etwa zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. niedergelegt worden war, erfuhr zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine weitgehende, nicht bezweifelbare Bestätigung durch den Fund der Orakelknochentexte aus der Shangzeit. Es gibt heute kaum noch einen chinesischen Historiker von Rang, für den nicht feststünde, dass die für die Shangzeit erwiesene Verlässlichkeit der genannten alten Geschichtswerke auch auf die Genealogie der Xiadynastie zutrifft. »Die Xiadynastie, die wir erforschen, existierte historisch.« Diese Feststellung, die 1977 von Xia Nai, einem der bedeutendsten chinesischen Archäologen und damaligen Direktor des Archäologischen Instituts in Peking, formuliert worden war, wurde bisher von keinem der führenden Gelehrten angezweifelt, sondern stets als Aufforderung betrachtet, die archäologischen Beweise für die zitierte Aussage zu mehren.
 
Die historische Geographie, genauer gesagt die Teildisziplin der Ortsnamenforschung, übernahm dabei eine Heroldsfunktion, als sie durch Auswertung der schriftlichen Quellen Dutzende von Hinweisen und Anhaltspunkte ermittelte, in welcher Region das Herrschaftsgebiet der Xiakönige zu suchen war. Man stützte sich dabei auf die öfter schon bestätigte Beobachtung, dass in China geographische Bezeichnungen von Städten und Siedlungen ein hohes Maß an Beständigkeit aufwiesen, oder mit anderen Worten, im Laufe der langen Geschichte des Landes ihren Namen nicht wechselten. Schließlich konnten der Großraum um das heutige Luoyang im nordwestlichen Henan und der südliche Teil der heutigen Provinz Shanxi als das ungefähre ehemalige Staatsgebiet der Xia identifiziert werden.
 
Interessanterweise liegen auch die über 100 bisher bekannten Fundstätten der Erlitoukultur, benannt nach einem ca. 20 km östlich von Luoyang entfernt liegenden Dorf, exakt in diesem Bereich. Die hier bereits in den 50er-Jahren, kurz nach Gründung der Volksrepublik China, begonnenen Grabungen sind bis heute nicht abgeschlossen. Mithilfe der Radiokarbonmethode, eines seit den 40er-Jahren entwickelten Verfahrens zur Altersbestimmung organischer Gegenstände, hat man die Erlitoukultur auf die Zeit zwischen dem 19. und 16. Jahrhundert v. Chr. datiert, mit der Maßgabe, dass nur ihre 2. Hälfte, etwa seit dem 17. Jahrhundert v. Chr., mit der Xiadynastie verknüpft werden kann.
 
In ihrer Frühzeit unterscheidet sich die Erlitoukultur kaum von anderen neolithischen Kulturen, wie entsprechende Bodenfunde gezeigt haben. In chinesischen Publikationen wird sie global als »wenhua« (Kultur) und nicht als »wenming« (Zivilisation) kategorisiert. Etwa zu Beginn des 17. Jahrhunderts v. Chr. oder kurz davor traten aber in dieser Kultur grundlegende Änderungen ein. Als auffälligste unter ihnen kann man die vorher unbekannte, anspruchsvolle Monumentalarchitektur ansehen. Sie präsentiert sich in Gestalt von bisher drei freigelegten Tempelpalastkomplexen, südlich des heutigen Dorfes Erlitou. Sondierungsgrabungen haben ergeben, dass sich in der näheren Umgebung noch einige Dutzend weitere Großbauten befinden. Die von den chinesischen Archäologen schon 1965 beschriebene und als F1 bezeichnete Anlage — die beiden anderen als F2 und F3 geführten wurden in den 80er- und 90er-Jahren publiziert — ist die ausgedehnteste von allen. Ihr Fundament besteht aus einer 1—2 m mächtigen Platte, die aus jeweils ca. 4,5 cm dicken Schichten in Pisébauweise konstruiert ist und etwa 100 m in Ost-West- und 108 m in Nord-Süd-Richtung misst. Umgeben war diese ausgedehnte Stampferdebasis, die im nordwestlichen Bereich eine bislang nicht erklärbare Einbuchtung aufweist, mit einem gedeckten Säulengang sowie mit einer ca. 0,5 m dicken Mauer, ebenfalls in Pisébauweise. In der Mitte der südlichen Einfassung gab es einen ca. 34 m breiten Zugang. Die Bodenfunde in diesem Bereich waren stark verrottet und sehr unergiebig, doch nimmt man an, dass sich hier ursprünglich, analog zur F2-Anlage, eine Art überdachter Säulenhalle mit einem Zentralportal befunden hat.
 
Nach Passieren des Tores betrat man einen riesigen, im traditionellen China als »ting« bezeichneten Innenhof, dessen nördlichen Abschnitt ein in die Mitte gebauter Tempelpalast dominierte. Dessen überbaute Fläche maß 30×10 m. Seine durch Skelettbauweise bedingte architektonische Kammerung in 8×3 Einheiten (»jian«) gestattete zur Zeit der Nutzung eine Gliederung in verschieden große Räume. Da Wände für die Gebäudestatik aufgrund der Skelettbauweise keine Bedeutung hatten — die Dachlast ruhte auf einer Holzständerkonstruktion —, konnte man die damals üblichen Scheidewände, die aus einem mit Lehm verkleideten Flechtwerk gefertigt waren, fast beliebig platzieren. Der Tempelpalast hatte ein 36×25 m großes, über 1 m mächtiges Fundament, das sich als kleine Terrasse über den Innenhof erhob. Ihr vorderer Teil gab nicht nur einen idealen Standort für einen Redner ab, sondern konnte auch als Bühne dienen, um weithin sichtbar Ritualhandlungen zu zelebrieren.
 
Man hat ausgerechnet, dass ca. 10000 Menschen im Hof dieser Anlage Platz hatten. Dass derartige »ting« als Versammlungsort dienten, lässt sich aus einer Stelle im »Shu-jing« schließen, die sich zwar auf eine Ansprache König Pan Gengs der nachfolgenden Shangdynastie bezieht, im Prinzip jedoch auch auf die Xiazeit zutreffen dürfte: »Der König befahl der Vielzahl der Menschen, dass sie allesamt in den Palasthof kommen sollten.«
 
 Grabbeigaben aus der Erlitoukultur
 
Als weiteres wichtiges Merkmal für eine qualitative Veränderung gegenüber den neolithischen Gegebenheiten sind die nach dem 17. Jahrhundert v. Chr. in Erlitou erstmalig auftretenden Gefäße aus Bronze zu nennen. Ihre Form orientierte sich an keramischen Vorbildern, wie man sie nicht nur aus der Frühphase der Erlitoukultur kennt, sondern auch aus anderen Kulturen der neolithischen Interaktionssphäre. Unter der relativ kleinen Zahl bisher geborgener Gefäße waren die für Weinopfer benutzten »jue«, Bronzetassen mit einer Ausgusstülle und einem seitlichen Griff, alle etwa 12—25 cm hoch, am häufigsten vertreten. Sie trugen keinerlei Ornamente, waren dünnwandig und wie die späteren Shangbronzen mithilfe von Teilformen gegossen. Eine Analyse der Legierung ergab einen Anteil von 92 % Kupfer und 7 % Zinn. Die handwerkliche Qualität der Bronzegefäße zeigt Erfahrungen, die nur in einem längeren Zeitraum angesammelt worden sein konnten. Zusammen mit Ahlen, Meißeln, Messern, Äxten, Breitbeilen und kleinen Glöckchen aus Bronze, mit Gegenständen also, die man aus Erlitou und anderen Fundstätten dieser Kultur zutage gefördert hat, sind sie der archäologische Beweis dafür, dass China in das Bronzezeitalter eingetreten war.
 
Bestätigt wird die Spatenforschung in dieser Hinsicht auch durch verschiedene schriftliche Quellen des 1. Jahrtausends v. Chr., welche die Xiadynastie mit dem Gießen von Bronzegegenständen in Verbindung bringen. So heißt es z. B. im Werk »Mozi« aus der Zhan-guo-Zeit (481—221 v. Chr.): »In alter Zeit, nachdem die Xiadynastie begonnen hatte, beauftragte man (den Aristokraten) Fei Lian, in den Bergen und Flüssen Erze zu sammeln. Die Anfertigung der Keramikformen (für den Guss) und den Bronzeguss nahm man im Gebiet der Kunwusippe (in Henan) vor.«
 
Alle oben erwähnten Bronzegefäße wurden aus fünf Gräbern geborgen, die sich in mehrfacher Hinsicht von den übrigen, sehr viel schlichteren, kaum mit Beigaben ausgestatteten Gräbern unterschieden. Gemeinsam war allen lediglich, dass sie jeweils nur einen Toten beherbergt hatten. Einige der fünf Gräber wiesen eine hölzerne Grabkammer auf, in welcher der Tote ruhte, gebettet in einen lackierten Sarg. Abgesehen von den Gefäßen, die, wie man aus späterer Zeit weiß, bei Wein- und Speiseopfern benutzt wurden, fand man hier auch zum Gebrauch bestimmte Waffen aus Bronze und Objekte aus Jade. Letztere waren der Verwendung für zeremonielle Zwecke vorbehalten, waren aber gleichzeitig Kennzeichen für die hohe Stellung des Grabherrn in der sozialen Hierarchie. Es handelte sich unter anderem um die schon vorgestellten Bi-Jadescheiben und um »zhang« oder »yazhang«. Hilfsweise gibt man diesen Begriff, für den es keine Entsprechung im Deutschen gibt, mit »Jadezepter« wieder. Die sehr flachen und zerbrechlichen, ca. 0,5 m langen, wie ein Breitschwert geformten Zepter liefen an einem Ende in einer etwa konkaven Rundung aus, am anderen Ende in einem Heft, das mehrere nebeneinander liegende, sorgfältig eingelassene Riefen aufwies. Bei feierlichen Anlässen wurde das Jadezepter am Griffstück, das möglicherweise mit Kordeln umwunden war, umfasst und etwa in Brusthöhe mit halb durchgestreckten Armen senkrecht hochgehalten.
 
 Eine Querverbindung nach Sichuan
 
Die obige recht detailreiche Beschreibung verdanken wir dem Fund einer kleinen, entsprechend modellierten Bronzefigur mit einem »yazhang«, die 1986 mehr als 1000 km in südwestlicher Richtung, ca. 40 km nördlich von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu gefunden wurde. Das Figürchen ist das Produkt einer Regionalkultur, die sich im Großraum von Chengdu entwickelte und deren Anfänge zu Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. lagen. Die mit der Ausgrabung beschäftigten chinesischen Archäologen gaben ihr den Namen Sanxingduikultur. Namengeber war der bisher wichtigste Fundort, eine ursprünglich von Wällen und Flussläufen geschützte ca. 2,6 km2 große Stadt, die um etwa 1000 v. Chr. aufgegeben worden war.
 
Mit Blick auf den in dieser Region etablierten Feudalstaat Shu, der aufseiten der prädynastischen Zhou mithalf, den letzten Shangkönig zu besiegen, und der 316 v. Chr. von den Armeen des Staates Qin ausgelöscht wurde, kann man Sanxingdui auch als einen Teil der Shukultur ansehen. Diese Regionalkultur erregte in den letzten Jahren vor allem Aufmerksamkeit durch den sensationellen Fund einer 1,72 m hohen, ausdrucksstarken Ganzkörperplastik aus Bronze sowie von 54 ebenfalls in Bronze gegossenen, lebensgroßen Menschenköpfen. Sie stammen alle aus der Zeit zwischen dem 13. und dem 11. Jahrhundert v. Chr. Funde dieser Art hatte man bis dahin aus dem alten China nicht gekannt. Nach den vorläufigen Untersuchungen repräsentierten die stehende Figur und die Menschenköpfe, die ursprünglich anscheinend auf einem nicht mehr erhaltenen Körper aus Holz oder Ton steckten, Personen, die mit der Leitung der staatlichen Opferhandlungen in Sanxingdui betraut waren. Die stehende Figur wird meist als der oberste Priester oder ranghöchste Schamane interpretiert, der vielleicht in Personalunion auch der Herrscher des kleinen Staates war und die letzte Verantwortung für die Kontakte mit den jenseitigen Mächten trug. Bei seinen Ritualhandlungen zur Ergründung des göttlichen Willens assistierten ihm wohl verschiedene Opferpriester oder Schamanen, dargestellt in den bronzenen Menschenköpfen mit unterschiedlichem Gesichtsausdruck und verschiedenem Kopf- und Haarschmuck.
 
Eine Überraschung lösten auch die mehr als 20 Bronzemasken aus, von denen die größte mit einer Breite von 1,38 m und einer Höhe von 0,65 m gewaltige Dimensionen aufweist. Die chinesischen Archäologen sehen in ihnen die Verkörperung von Gottheiten oder Ahnen, haben allerdings bei dieser Interpretation das Problem, dass sie sich nicht durch schriftliche Quellen abstützen lässt. Die Sanxingduikultur hatte auch in ihrer Blütezeit zwischen dem 13. und dem 11. Jahrhundert v. Chr. im Gegensatz zur zeitgleichen Shangdynastie keine Schrift und blieb im Schrifttum der Königsdynastien, vermutlich wegen unterstellter Minderwertigkeit, unberücksichtigt.
 
Alle freiplastischen Meisterwerke und Masken, Dutzende von bis zu 30 cm hohen Figuren und Tierplastiken aus Bronze sowie die Ritualgegenstände aus Jade und Stein wurden nicht, wie man erwarten könnte, in Gräbern gefunden, sondern in mehreren Opfergruben. Diese waren bis zu 5,3 m lang, 3,5 m breit und 1,7 m tief und ehedem mit Holzgebäuden überbaut. Die Spatenforscher sind sich einig, dass die geborgenen Artefakte (von Menschen geschaffene Gegenstände) samt und sonders bei den damaligen Kulthandlungen eine wichtige Rolle gespielt haben. Man deponierte sie, anscheinend nach Beendigung eines nicht näher bestimmbaren Opferzyklus, in der Erde, um sie auf diese Weise in Ewigkeit dem Himmel oder Gottheiten zu weihen. Der Verzicht, solche Kostbarkeiten als Grabbeigaben für Herrscher oder höchste Kultdiener zu verwenden, ist eine Besonderheit, die man in der »Zentralebene« kaum antrifft.
 
Für unsere Betrachtungen von besonderem Interesse sind die zahlreichen, ebenfalls in Sanxingdui gefundenen »yazhang«. Etliche von ihnen sind in ihrer Formgebung den Jadezeptern aus der Erlitoukultur ähnlich und stammen in etwa aus der gleichen Zeit. Auch wenn die Motive, sie endgültig der Erde zu überantworten, hier und dort unterschiedlich waren, so spricht doch die Übereinstimmung in ihrem Äußeren dafür, dass es gewisse Kontakte zwischen beiden Kulturen gegeben hat; vermutlich hatten sie schon in der neolithischen Interaktionssphäre ihren Anfang genommen. Eine chinesische Untersuchung aus dem Jahre 1994 hat dann den Nachweis erbracht, dass die Jadezepter spätestens im 2. Jahrtausend v. Chr. über das gesamte östliche China verbreitet und sogar im Gebiet des heutigen nördlichen Vietnam anzutreffen waren.
 
Wir wissen, wie dargelegt worden ist, wie ein »yazhang« gehalten wurde, doch wissen wir nicht, was seine genaue Funktion oder Funktionen waren. Sicher ist nur, dass Jadezepter bei kultischen Handlungen eingesetzt wurden, doch könnten sie auch als Kreditive Verwendung gefunden haben, die ihren Besitzer als jemanden auswiesen, der militärische Befehlsgewalt über Truppen hatte. Diese beiden Bestimmungen erfüllten sie jedenfalls einige Jahrhunderte später, wie das »Zhou-li« (»die Riten der Zhou«, ein konfuzianischer Klassiker) berichtet. Einschränkend muss jedoch angemerkt werden, dass dieses Werk in oft idealisierender Form nur das Verwaltungs- und Kultwesen in der Zhoudynastie (11. Jahrhundert bis 256/249 v. Chr.) beschreibt. Zweifelsfreie Tatsachenfeststellungen und Verallgemeinerungen, insbesondere auch mit Bezug auf Gebiete außerhalb des Zhoustaats oder auf ältere Zeiten, die allein auf dieser Quelle gründen, sind nur mit Einschränkungen oder gar nicht möglich.
 
 Erlitou, die letzte Hauptstadt der Xiadynastie?
 
Bei den fünf reich ausgestatteten Gräbern von Erlitou wäre noch nachzutragen, dass man in ihnen unter anderem auch Äxte, Breitbeile und Messer aus Jade fand, der Form nach eigentlich Waffen und Gebrauchsgegenstände. Wegen des Materials und aufgrund ihrer aufwendigen Bearbeitung besaßen sie jedoch einen so hohen Wert, dass sie für alltägliche Zwecke nicht infrage kamen. Sie wurden bei Zeremonien benutzt, bei denen die Grabherren eine wichtige Rolle gespielt haben dürften. Betrachtet man nun die Bronze- und Jadegegenstände aus den fünf Gräbern in ihrer Gesamtheit, so scheint der Geschmack der späten Xiadynastie bzw. ihrer Oberschicht generell der klaren und eleganten Form besonderes Gewicht beigemessen zu haben. In der Shangdynastie trat demgegenüber insofern eine ästhetische Umorientierung ein, als nun das künstlerische Hauptaugenmerk der belebenden Gestaltung und Ornamentierung von Oberflächen galt.
 
Die nur mit erheblichem Aufwand herstellbaren Grabbeigaben und die großzügig dimensionierten fünf Ruhestätten lassen, unter Einschluss auch der anderen Grabungsergebnisse, auf eine in Erlitou residierende Herrschersippe schließen. Sie besaß die Macht und die Mittel, Handwerkerscharen und zahlreiche andere Arbeitskräfte exklusiv für eigene Belange einzusetzen. Daher gewinnt die von verschiedenen chinesischen Archäologen vertretene Ansicht zunehmend Anhänger, es handle sich bei den Toten um Xiakönige oder zumindest um prominente Mitglieder des Herrscherklans Si. Damit harmonieren würde der gesamte Zuschnitt von Erlitou. Diese Stadt der Xia war eine große, funktional gegliederte Anlage, ausgestattet mit imposanten Tempelpalästen, mit Wohnvierteln, mit meist in der Peripherie angelegten Gräbern, mit Handwerksbetrieben, die sich auf Bronzeguss, Keramikherstellung, Jade-, Stein- und Knochenbearbeitung spezialisiert hatten.
 
Nach den bisherigen archäologischen Erkenntnissen besaß Erlitou jedoch nie eine Umwallung zur Verteidigung, ein Merkmal, das manche Siedlungen in China bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. aufzuweisen hatten. Anscheinend sahen die Erbauer der Stadt einen ausreichenden natürlichen Schutz in ihrer Lage nahe am Fluss Lo He samt der damals möglicherweise vorhandenen Seitenarme. Es ist kein Einzelfall, dass große Städte in der San-dai-Zeit keine sie umgebenden Erdwerke zur Verteidigung hatten, wie die Metropolen bei Anyang, Zhouyuan, Feng und Hao lehren. Keine dieser alten Metropolen aus der Shang- und Zhouzeit war nach den vorliegenden Ergebnissen der Spatenforschung in der genannten Art geschützt. Gleichwohl hatten die frühesten Städte im Norden, in denen ein Herrscher residierte, in ihrer weitaus überwiegenden Mehrheit eine rechteckige Maueranlage aus Stampferde, in die an jeder Seite Tore eingelassen waren. Das wird nicht nur archäologisch bestätigt, sondern geht auch aus Beschreibungen hervor, die man in verschiedenen Werken des 1. Jahrtausends v. Chr. findet, wie z. B. im »Shi-jing« oder im »Zhou-li«.
 
Die uns vorliegenden schriftlichen Quellen verdeutlichen zudem, dass Städte stets Produkte vorheriger Planung waren. Zumindest in der späteren San-dai-Zeit mussten vor Baubeginn auch die Wünsche des Jenseits durch Orakelbefragung und die Harmonie mit den der Natur innewohnenden Kräften durch Beteiligung von Geomanten berücksichtigt werden. Städte im ältesten China entstanden, anders formuliert, in der Regel nicht eigenständig, etwa an Orten, die besonders günstige Voraussetzungen für wirtschaftliche Aktivitäten boten. Erlitou erfüllte mit Blick auf seine zentralörtlichen Funktionen bereits im 17./16. Jahrhundert v. Chr. weitgehend die Kriterien für ein Kult- und Verwaltungszentrum, wie sie von dem amerikanischen Forscher Paul Wheatly als idealtypisch für die Hauptstädte der Shangzeit herausgearbeitet worden sind.
 
Wir besitzen zwar, anders als für die Zeit ab der Shangdynastie, keine genaueren Kenntnisse über die Zeremonien und die Opfer der Xiadynastie, doch darf man annehmen, dass in ihrem Mittelpunkt, neolithische Ansätze fortführend, generell ebenfalls die Ahnenverehrung stand. Das »Zhou-li« merkt dazu recht lapidar an: »Die Riten der »Drei Dynastien« (Xia, Shang, Zhou) stimmen überein.« Diese Meinung vertrat auch Konfuzius, präzisierte sie jedoch mit dem Hinweis auf gewisse, ihm bekannte Modifizierungen, die sich bei der Tradierung ergeben hatten. Die Ahnenverehrung sollte mit liturgischen Verfeinerungen und Ergänzungen ein charakteristisches Element im Kultus und in der Geistesgeschichte des traditionellen China bleiben.
 
Ohne Zweifel gab es im Xiastaat auch zumindest schon Ansätze zu einer Administration mit dem König an der Spitze. Sie war unerlässlich, um das Einvernehmen mit den tonangebenden Seitenlinien der Herrschersippe und den Verbündeten, nah oder weitab der Metropole, sicherzustellen, das wiederum Voraussetzung war für das Heranschaffen der Rohstoffe für die hauptstädtischen Handwerksbetriebe, die Bereitstellung einer großen Zahl von Menschen für arbeitsintensive monumentale Projekte, für gemeinsame Kriegszüge und zur Organisation aller anderen Gemeinschaftsaufgaben.
 
War Erlitou Zhenxun?
 
Nicht wenige Forscher identifizieren Erlitou mittlerweile mit Zhenxun, der in verschiedenen schriftlichen Aufzeichnungen des 1. Jahrtausends v. Chr. genannten letzten Hauptstadt der Xiadynastie. Diese Ansicht steht im Einklang mit der Tatsache, dass der Bronzeguss in Erlitou, den sich nur ein Herrscherklan leisten konnte, im 16. Jahrhundert v. Chr. abrupt abbricht. Auch Ritualjaden sind archäologisch nach dieser Zeit hier nicht mehr nachweisbar. Es ist derselbe Zeitraum, in dem »eine schwarze Schildkröte mit roten, aus Einritzungen geformten Zeichen kundtat, dass Jie (der letzte Xiakönig) sittenlos sei und dass Tang (der spätere erste König der Shangdynastie) ihn ablösen solle«, wie etwas geheimnisvoll verklausuliert die Rücktrittsforderung an Jie in den »Bambusannalen« formuliert ist. Viel prosaischer berichtet das »Shi-ji« über diese Zeit: »... Tang trat daraufhin die Nachfolge als Himmelssohn an und hielt für das Land eine Audienz ab. .. Tang residierte zunächst in Bo (ca. 200 km östlich von Erlitou).«
 
Erlitou, oder vielleicht besser Zhenxun, musste wegen der siegreich aus dem östlichen Shandong nach Westen vordringenden Sippe Zi — niemand anders als die kulturell mit der Xiadynastie verwandten, zu einer ebenbürtigen Macht herangewachsenen prädynastischen Shang — aufgegeben werden. Nun rächte sich das Fehlen eines Verteidigungswalles, auf den die Herren von Erlitou verzichtet hatten, weil sie glaubten, durch die Vorzugslage der Stadt ausreichend geschützt zu sein, die durch den Verlauf des Luo He gewährleistet schien. Jedoch konnte dies ebenso wenig wie der Sicherheitsgürtel umliegender Siedlungen unter Führung loyaler Blutsverwandter das Unheil aufhalten. Ein weiterer Grund für das Einsparen der Stadtmauer aus Stampferde könnte gewesen sein, dass die Xiakönige, bevor sie Zhenxun als letzte Residenz wählten, bereits etwa zehnmal ihre Hauptstadt verlegt hatten und man sich beim letzten Mal mit dem Bau einer Umwallung etwas Zeit gelassen hatte. Als dann laut »Bambusannalen« gegen Ende der Xiazeit die bewaffneten Konflikte vor allem mit den östlichen Nachbarn zunahmen, war es vielleicht schon zu spät, große Heere von Arbeitskräften zu mobilisieren, um den Bau nachholen zu lassen. Die Männer wurden dringender für die Kämpfe benötigt, in denen jetzt immer öfter Bronzewaffen eingesetzt wurden.
 
Auf die Frage, warum die Xiakönige so oft ihr Kult- und Verwaltungszentrum verlegten, bleiben die Quellen eine klare Antwort schuldig. Vermutlich spielten militärische oder politische Erwägungen mit Blick auf den Erhalt oder die Erweiterung ihres Herrschaftsgebietes die wichtigste Rolle. Die in spätkaiserzeitlichen Kommentaren zu den frühen Quellen als wichtigste Ursache für die Stadtverlegungen genannten Überschwemmungskatastrophen kann man im Einzelfall nicht ausschließen. Die meisten Metropolen der San-dai-Zeit lagen jedoch auf einem Niveau, das sie zumindest für die üblichen, durch die jährlichen Regenhöchstmengen bedingten Überflutungen unerreichbar machte.
 
Was generell unsere Kenntnisse über die Xiadynastie angeht, so wird man rückblickend einräumen müssen, dass sie noch recht spärlich sind und dass man nur zu oft noch auf Vermutungen angewiesen ist. Der Stand der Forschung erlaubt gleichwohl heute schon, sie als eine Dynastie zu beschreiben, die real existiert hat. Ihre Geschichtlichkeit scheint für die Zeit ab etwa dem 17. Jahrhundert v. Chr. erwiesen zu sein. Fortlaufend neue Grabungen berechtigen zu der Hoffnung, bald ein genaueres Bild von dieser ersten chinesischen Dynastie und ihrem Staat zeichnen zu können.
 
Prof. Dr. Klaus Flessel
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Chinas frühe Hochkultur: Shangstaat
 
Hochkultur: Annäherung an einen umstrittenen Begriff
 
 
Das alte China. Geschichte und Kultur des Reiches der Mitte, herausgegeben von Roger Goepper. Mit Beiträgen von Helmut Brinker u. a. München 1988.
 Bauer, Wolfgang: China und die Hoffnung auf Glück. Paradiese, Utopien, Idealvorstellungen in der Geistesgeschichte Chinas. München 31989.
 
The Cambridge history of China, herausgegeben von Denis Twitchett u. a. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B. C.-A. D. 220. Cambridge u. a. 1986. Nachdruck Cambridge u. a. 1995.
 Chang, Kwang-chih: The archaeology of ancient China. New Haven, Conn. u. a. 41986.
 Chang, Kwang-chih: Art, myth, and ritual. The path to political authority in ancient China. Cambridge, Mass. u. a. 1983.
 Chang, Kwang-chih: Shang civilization. New Haven, Conn. u. a. 1980.
 Chang, Tsung-Tung: Der Kult der Shang-Dynastie im Spiegel der Orakelinschriften. Eine paläographische Studie zur Religion im archaischen China. Wiesbaden 1970.
 Creel, Herrlee G.: The origins of statecraft in China, Band 1: The Western Chou empire. Chicago, Ill. 1970.
 
Early Chinese texts. A bibliographical guide, herausgegeben von Michael Loewe. Berkeley, Calif. 1993.
 Eichhorn, Werner: Die Religionen Chinas. Stuttgart u. a. 1973.
 Elisseeff, Danielle und Vadime: Neue Funde in China. Archäologie verändert die Geschichte. München 1983.
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Fischer-Weltgeschichte, Band 19: Das chinesische Kaiserreich, herausgegeben und verfasst von Herbert Franke und Rolf Trauzettel. Frankfurt am Main, 69.-70. Tausend 1993.
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Universal-Lexikon. 2012.

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